Cloudflare und die Macht des Türstehers

Cloudflare gehört heute für viele ganz selbstverständlich zum Web dazu. Kaum ein anderer Dienst vereint Schutz, Geschwindigkeit und einfache Einrichtung so überzeugend – und das oft sogar kostenlos. Aber je weiter sich Cloudflare ausbreitet, desto drängender wird die Frage: Passt das eigentlich noch zum europäischen Datenschutz? Und ist es gut, wenn in einer Welt voller geopolitischer Spannungen ein US-amerikanischer Konzern so viel Kontrolle über das Internet hat?

Was ist Cloudflare?

Wenn eine Website Cloudflare nutzt, läuft der gesamte Datenverkehr zuerst über deren Server, egal, ob jemand nur die Startseite aufruft oder ein Formular absendet. Cloudflare sitzt dabei wie ein Türsteher vor der eigentlichen Website: prüft Anfragen, filtert Bots raus, beschleunigt Inhalte aus dem Cache und schützt vor Angriffen. Für die Besucher wirkt das alles nahtlos. Was sie nicht sehen: Ihre Anfrage wird zuerst über ein globales Netzwerk geleitet, das nicht dem Anbieter der Website gehört sondern Cloudflare.

Cloudflare schützt und beschleunigt rund 24 % aller Websites weltweit und ist damit für etwa 80 Millionen aktive Seiten im Einsatz.

  • Laut W3Techs nutzen 14,5 % aller Websites und 32,4 % der Top‑1 Mio Websites Cloudflare als DNS‑ oder CDN‑Lösung.
  • Im Bereich der Reverse‑Proxy‑Infrastruktur kommt Cloudflare auf 19,5 % aller Sites, und bei den Objekten, die überhaupt einen Reverse-Proxy nutzen, sogar auf 80,8 % Marktanteil.
  • Laut Backlinko vertrauen aktuell über 24 Mio Websites weltweit auf Cloudflare, wobei 210 000 zahlende Kunden registriert sind, darunter viele Großkunden (>100 000 $ Jahresumsatz pro Kunde).

Zusammengefasst: Cloudflare ist ein dominanter Player im Web und untermauert seine zentrale Rolle durch massive Verbreitung und hohe Marktanteile. Und wer schon einmal mit dem Vertrieb von Cloudflare zu tun hatte, weiß: Der Hunger nach mehr ist deutlich spürbar.

Ein fundamentaler Konflikt beim Datenschutz

Das eigentliche Problem steckt im Prinzip: Cloudflare sitzt als Reverse-Proxy zwischen Website und Besucher. Wer eine Seite aufruft, interagiert im ersten Moment nicht mit der Website selbst sondern mit Cloudflare. Und das heißt: die IP-Adresse, ein personenbezogenes Datum, landet sofort bei einem US-Unternehmen, noch bevor die Seite überhaupt angezeigt wird oder irgendein Cookie-Banner erscheint.

Genau das ist für die DSGVO heikel, denn personenbezogene Daten in die USA zu übertragen ist nur erlaubt, wenn es dafür eine rechtliche Grundlage gibt. Der EuGH hat in seinem „Schrems II“-Urteil deutlich gemacht: Standardvertragsklauseln bringen nichts, solange US-Behörden Zugriff nehmen können. Und das dürfen sie – dank Cloud Act – jederzeit.

Kurz gesagt: Für europäische Websites gibt es kaum eine DSGVO-konforme Möglichkeit, Cloudflare einzusetzen. Besonders heikel wird das für öffentliche Stellen oder Anbieter mit sensiblen Daten, die eigentlich auf Datenschutz setzen müssten – und stattdessen auf eine Infrastruktur vertrauen, die außerhalb ihres Rechtsraums liegt.

Technische Relevanz und Dominanz

Technisch liefert Cloudflare allerdings genau das, was sich Website-Betreiber wünschen. DNS, SSL, Caching, Bot-Schutz und Firewall – alles aus einer Hand, leicht einzurichten und oft sogar kostenlos. Wer Cloudflare einmal eingebunden hat, merkt schnell den Unterschied: Seiten laden flotter, Ausfälle werden seltener, Angriffe prallen einfach ab.

Cloudflare veröffentlichte am 10. Oktober 2023 einen detaillierten technischen Bericht über die HTTP/2 Rapid Reset DDoS-Angriffe. Darin wird beschrieben, wie die Angriffe ab dem 25. August 2023 begannen und von Cloudflares automatischem DDoS-System erkannt und abgewehrt wurden. Die Angriffe erreichten schließlich eine Rekordgröße von über 201 Millionen Anfragen pro Sekunde. Cloudflare arbeitete sogar mit Google und AWS zusammen, um die Angriffsmethode gegenüber betroffenen Anbietern und Betreibern kritischer Infrastrukturen offenzulegen. Der Angriff nutzte eine Schwachstelle im HTTP/2-Protokoll aus, die es Angreifern ermöglichte, massive DDoS-Angriffe zu starten. (Quelle)

Im Mai 2025 wehrte Cloudflare die bislang größte dokumentierte DDoS-Attacke ab: Innerhalb von nur 45 Sekunden wurden 37,4 Terabyte an Daten mit einer Spitzenlast von 7,3 Terabit pro Sekunde auf einen Hosting-Provider abgefeuert. Diese Attacke übertraf alle bisherigen Rekorde und demonstriert die zunehmende Bedrohung durch hochvolumige, automatisierte Angriffe. Cloudflares global verteilte Infrastruktur und automatisierte Abwehrmechanismen verhinderten erfolgreich eine Dienstunterbrechung beim Zielsystem. (Quelle)

Cloudflare hat kürzlich angekündigt, KI-Crawler standardmäßig zu blockieren, sofern keine ausdrückliche Zustimmung der Website-Betreiber vorliegt. Diese Maßnahme zielt darauf ab, die unautorisierte Nutzung von Webinhalten durch KI-Unternehmen zu unterbinden und die Kontrolle über eigene Inhalte zurückzugewinnen.

Zusätzlich führt Cloudflare das „Pay Per Crawl“-Programm ein, das es Website-Betreibern ermöglicht, KI-Firmen für den Zugriff auf ihre Inhalte zu entlohnen. Dabei wird der HTTP-Statuscode 402 („Payment Required“) verwendet, um anzuzeigen, dass für den Zugriff eine Zahlung erforderlich ist.

Diese Entwicklungen markieren einen bedeutenden Schritt in Richtung eines gerechteren Internets, in dem Urheber für die Nutzung ihrer Inhalte durch KI-Systeme angemessen kompensiert werden. (Quelle)

Das sind keine kleinen Anpassungen, sondern echte Gamechanger – und sie machen Cloudflare für viele Websites fast alternativlos. Wer heute eine performante, geschützte Seite betreiben will, kommt an diesem Dienst kaum noch vorbei.

Cloudflare als Gatekeeper

Mit der zunehmenden Zentralisierung von Infrastruktur wächst auch die Steuerungshoheit von Anbietern wie Cloudflare darüber, welche Anfragen im Web zugelassen werden und welche nicht. Künftig plant Cloudflare, automatisierte Zugriffe durch KI-Crawler standardmäßig zu blockieren, sofern keine ausdrückliche Zustimmung der Website-Betreiber vorliegt. Der Zugriff soll nur noch gegen Zahlung gestattet werden, wodurch der freie Zugang zu Webinhalten wirtschaftlich reguliert wird.

Aus Sicht vieler Website-Betreiber erscheint dieser Schritt nachvollziehbar. Doch betroffen sind nicht nur große kommerzielle Akteure. Auch zivilgesellschaftliche Projekte, Forschungsinitiativen und unabhängige Entwickler sind auf Scraping angewiesen, um Informationen zu analysieren, zu archivieren und zugänglich zu machen. Wenn zentrale Infrastrukturbetreiber definieren, wer unter welchen Bedingungen Inhalte automatisiert auslesen darf, verliert das Web schrittweise seinen offenen und allgemein zugänglichen Charakter zugunsten wirtschaftlich kontrollierter Plattformstrukturen.

Geopolitische Abhängigkeiten

Cloudflare sitzt in den USA – und spielt damit nach amerikanischen Regeln. Das heißt auch: Sollte sich die geopolitische Lage zuspitzen, kann der Zugriff auf Cloudflare ganz schnell zur Frage von Interessen und Macht werden. Ob durch behördliche Anordnung oder politischen Druck. Im Ernstfall könnte bestimmten Regionen der informelle Hahn zugedreht werden, wenn der US-Regierung das gefällt.

Diese Abhängigkeit ist keine Theorie. Sie betrifft Millionen Websites weltweit – darunter auch Behörden, Medien und kritische Infrastrukturen. Wer sich auf Cloudflare verlässt, baut auf ein Fundament, das ihm im Zweifelsfall entzogen werden kann.

Alternativen und ihre Schwächen

Natürlich gibt es europäische Anbieter wie Bunny.net, Secucloud oder CDN-Lösungen großer Provider. Doch sie decken oft nicht die gesamte Funktionsbreite ab, sind schwieriger zu integrieren oder schlicht zu teuer für kleinere Projekte. Außerdem fehlt es an Entwickler-Ökosystemen, APIs, Community-Support und globaler Infrastruktur.

Moderne Frameworks wie Next.js oder Hoster wie Vercel oder Servebolt setzen teilweise direkt auf Cloudflare-Komponenten und -Services. Die technologische Verflechtung ist tief und ein Wechsel ist nicht trivial.

Fazit: Zwischen Compliance, Komfort und Kontrolle

Cloudflare bietet hohe Performance, starke Sicherheitsfunktionen und einfache Integration bei gleichzeitig niedrigen Kosten. Allerdings ist der Einsatz aus datenschutzrechtlicher Sicht fragwürdig und strategisch nicht ohne Risiko. Betreiber stehen damit vor einer grundlegenden Entscheidung zwischen technologischem Komfort und Schutz vor Angriffen oder datenschutzkonformer, souveräner Kontrolle über die eigene Infrastruktur.

Europa wird langfristig eigene, rechtlich belastbare und technisch konkurrenzfähige Alternativen brauchen. Bis dahin sollten Website-Betreiber ihre Abhängigkeit von US-Infrastrukturdiensten aktiv hinterfragen, verfügbare Alternativen evaluieren und eine bewusste Entscheidung darüber treffen, wie viel Kontrolle sie bereit sind aufzugeben.

Wir empfehlen unseren Kunden Cloudflare dann zu verwenden, wenn ein berechtigtes Interesse im Sinne von Art. 6 Abs. 1 lit. f DSGVO plausibel und belastbar dargelegt werden kann, etwa zur Abwehr konkreter Angriffsrisiken, zur Aufrechterhaltung der Betriebssicherheit oder zur Optimierung der Ladezeiten im Rahmen legitimer Geschäftsinteressen.

Dabei ist jedoch zu beachten, dass diese Interessenabwägung sorgfältig zu dokumentieren ist und dem tatsächlichen Risiko einer Drittlandübermittlung standhalten muss. Insbesondere bei personenbezogenen Daten mit erhöhtem Schutzbedarf wie etwa im Gesundheitsbereich, bei Behörden oder bei Angeboten für besonders schutzwürdige Zielgruppen, reicht ein pauschales „berechtigtes Interesse“ in der Regel nicht aus.

Außerdem empfehlen wir, ergänzende Schutzmaßnahmen wie Geo-Fencing, Anonymisierung der IP-Adresse, pseudonymisierte Zugriffsprotokollierung oder vertragliche Ergänzungen zu prüfen, um das Risiko zu minimieren. Letztlich ist der Einsatz von Cloudflare immer ein Einzelfall, der datenschutzrechtlich und strategisch sauber abgewägt und begründet sein sollte.